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Redner: Imam und Leiter des Islamischen Zentrums Hamburg

Das qur’anische Menschenbild (Teil 9)

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.
Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen seien mit unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), seinen reinen Nachkommen (Friede sei mit ihnen) und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.
 
Unser Thema der vergangenen Ansprachen war die natürliche Veranlagung des Menschen, das wir heute fortsetzen wollen. Die Wissenschaftler sind sich bezüglich dieser natürlichen Neigungen nicht einig. Man kann bei dieser Veranlagung drei Kategorien unterscheiden, nämlich Kenntnisse auf der Grundlage von Wahrnehmungen, Neigungen und Fähigkeiten.
 
 1. Wahrnehmungsbezogene Kenntnis
 
Die Epistemologie stellt fest, dass die mit dem Verstand gewonnenen Kenntnisse des Menschen potenziell, als Talent in ihm präsent sind und mit der Zeit umgesetzt und praktiziert werden. Der Heilige Qur’an schließt hingegen aus, dass man bei der Geburt bereits über solche (mittels des Verstands gewonnenen) Kenntnisse verfügt:
 
 „Und Gott hat euch aus dem Schoß eurer Mütter hervorgebracht, dieweil ihr nichts wusstet, und Er gab euch Ohren und Augen und Herzen, auf dass ihr dankbar wäret.“[1]
 
Schließt dieser Vers aber jede Art von Kenntnis bei der Geburt aus? Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht so, doch wenn man sich genauer mit diesem Vers befasst, erkennt man, dass er nur das Verfügen über erworbenes Wissen und nicht inhärente Kenntnisse an sich ablehnt. Dies wird von manchen Exegeten bestätigt und zwar mit dem Argument, dass der Vers selbst auch die Mittel erwähnt, mit denen man Wissen und Kenntnis erlangen kann, nämlich Augen, Ohren und Herz. Damit gewinnt man kein inhärentes Wissen, sehr wohl aber z. B. praktisches oder empirisches Wissen. Demnach verfügt der Mensch durchaus über inhärente Kenntnisse, wovon einige nachfolgend erwähnt werden.
 
Für manche Theorien benötigt man keinen Beweis und keine Argumentation, es reicht in diesen Fällen dass man ein richtiges Bild vom Objekt und Prädikat hat: Jedes Objekt ist es selbst. Jede Gesamtheit ist größer als seine Einzelteile. Zwei einander widersprechende Gegensätze können nicht zugleich zutreffen, und ähnliche Aussagen sind allgemein anerkannt und bedürfen keiner weiteren Ausführung. Solche Aussagen sind die Basis menschlichen Wissens und nicht widerlegbar.
 
Zu den Dingen, die in den Bereich der menschlichen natürlichen Veranlagung entfallen, gehört das Unterscheiden der allgemeinen ethischen von unethischen Prinzipien. Alle Menschen können zwischen Gut und Böse unterscheiden und würdigen Dinge wie Ehrlichkeit, Mut, Opferbereitschaft und Gerechtigkeit, während sie Betrug, Unterdrückung, Lügen, Verrat und dergleichen verurteilen. Der folgende Qur’anvers weist auf diese Tatsache hin:
 
 „Und bei einer (jeden menschlichen) Seele und bei Dem, Der sie gebildet und ihr den Sinn für ihre Sündhaftigkeit und für ihre Gottesfurcht eingegeben hat!“[2]
 
In der religiösen Lehre wird die Kenntnis über Gott der natürlichen Veranlagung zugeschrieben. Es gibt allerdings eine Vielzahl von Interpretationen für den Begriff der Gotteskenntnis. Manche Denker sind der Überzeugung, dass diese „inhärente Gotteskenntnis“ bedeutet, dass man für die Kenntnis von Gott keine Argumente und Beweise benötigt.[3] Andere sind der Meinung, dass mit dieser inhärenten Gnostik das Wissen von der Existenz Gottes gemeint ist und dass der Mensch stets eine höhere Quelle betrachtet, selbst wenn er kein detailliertes Wissen von dieser Neigung hat. In diesem Sinne sagte Hafes:
Ich weiß nicht, wer in meinem müden Herzen weilt,
wer tobt und klagt, während ich schweige.
 
Manche Gnostiker sind der Ansicht, dass abgesehen vom Prinzip der Existenz Gottes auch der Glaube an einige Seiner Eigenschaften dem Menschen innewohnt, so z. B. der Glaube an die Einheit Gottes, die Vollkommenheit der göttlichen Essenz, usw. Wir sehen Gott somit als ein höheres Wesen und nicht als eine Mehrheit. Wir sehen Ihn darüber hinaus als ein in jeder Hinsicht vollkommenes und fehlerfreies Sein an und damit auch die Seine Vollkommenheit beschreibenden Eigenschaften wie Gerechtigkeit, Weisheit, Barmherzigkeit und dergleichen.[4]
Imam as-Sadiq (a.s.) wurde einmal über die Bedeutung des Verses 30 der Sure ar-Rum[5] befragt, worauf dieser antwortete: „Gott erschuf alle mit einem ihnen innewohnenden Glauben an die Einheit Gottes.“[6]
 
Manche schreiben die göttliche Veranlagung des Menschen seinen inhärenten Neigungen zu. Ihrer Ansicht nach neigt der Mensch aufgrund seiner besonderen spirituellen Zustände zu Gott. Vers 30 der Sure ar-Rum weist auf die dem Herzen angeborene Neigung hin und besagt, dass die Neigung zu Gott und zur Gottesanbetung in jedem Menschen vorhanden sind, selbst wenn die Kenntnis über Ihn und der Beweis dafür nicht in der menschlichen Natur liegen. Es kann sein, dass der Mensch diese göttliche Veranlagung vernachlässigt und sie trübt, so dass sie sich nicht manifestieren kann, doch sie wird nie vernichtet. Wichtig ist, dass der Staub entfernt und die Unreinheiten beseitigt werden, damit die Veranlagung ihre Schönheiten besser entfalten kann. Der Heilige Qur’an besagt deshalb, dass die eigene Läuterung den Menschen zur Glückseligkeit führt, während diejenigen, die ihre Seele verunreinigen, Schaden davontragen werden:
 „Wahrlich, wer sie lauterer werden lässt, der wird Erfolg haben; Und wer sie in Verderbnis hinabsinken lässt, der wird zuschanden.“[7]
 
Und der Friede und die Gnade Gottes und Seine Segnungen seien mit euch.
 
 


Fußnoten :
[1]Sure an-Nahl, Vers 78.
[2]Sure ash-Shams, Verse 7-8.
[3] In der Erkenntnistheorie werden die Sätze in zwei Gruppen unterteilt, nämlich die grundlegenden und die abgeleiteten. Alwin Plantinga und William Aston sind der Überzeugung, dass der Satz „Es gibt einen Gott“ grundlegend ist und keines Beweises bedarf. Nach Kant kann die Existenz Gottes wissenschaftlich nicht bewiesen werden, er glaubt jedoch, dass die Existenz Gottes eine Gegebenheit und ein Prinzip des praktischen Wissens ist. S. John Hick, Arguments for the Existence of God. Persische Übers. von Abdulrahim Gawahi, S. 167-175.
[4] Imam Khomeini, 40 Hadith, S. 179f.
[5]So richte dein Antlitz auf den Glauben wie ein Aufrechter (und folge) der natürlichen Veranlagung, mit der Gott die Menschen die Gott geschaffen hat. Es gibt kein Ändern an Gottes Schöpfung. Das ist der beständige Glaube. Allein die meisten Menschen wissen es nicht.“
[6] Kulayni,  Usul al-Kafi, Bd. 2, S. 13.
[7] Sure ash-Shams, Verse 9-10.

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