Donnerstag 09. Feb 2012 (Hamburg)
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Bericht zum Besuch von der Jungen Union (zwischen Hamburg und Bremen)

Termin : 15.06.2007
Ort : Islamisches Zentrum Hamburg, Bibliothek
Programm : Gespräch und Führung
Gäste :  Mitglieder der Junen Union

 

Die Junge Union Zeven wird auf ihrem Bezirkstag die Thematik Integration bearbeiten. Hierzu hat man um dieses Gespräch gebeten, um einige Informationen aus muslimischer Sicht zur Vorbereitung zu erhalten. Die Gäste bedanken sich für die Zusage zu diesem Gespräch und betrachten es als eine Ehre, von Herrn Ayatollah Ghaemmaghami empfangen zu werden.

Herr Ayatollah Ghaemmaghami heißt die Gäste herzlich willkommen und bezeichnet es als äußerst positiv, wenn junge Menschen sich bereits früh mit den wichtigen Themen des Lebens beschäftigen. Die Gäste stellen sich kurz vor, sie sind zwischen 19 und 24 Jahre, haben teilweise vor kurzem das Abitur absolviert, sind in der Ausbildung oder haben ein Jura- oder Wirtschaftsstudium begonnen.
 

Herr Ayatollah Ghaemmaghami gibt ein kurzes Statement zur Rolle der Frau im Islam. Der Islam kennt keine geschlechtliche Sichtweise zu den Menschen, auch keine ethnische, sprachliche  oder ideologische: jeder Mensch ist mit egal welchem ethnischen, sprachlichem oder ideologischem Hintergrund in erster Linie ein Mensch. Auch wenn der Islam keinen rechtlichen Unterschied zwischen Mann und Frau macht, bewertet er die Position und Rolle der Frau höher als die des Mannes, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Familie.
 

Auf die Frage nach der Wichtigkeit des Dialogs erläutert Herr Ayatollah Ghaemmaghami, dass das Anliegen und der Sinn des Dialoges ein gegenseitiges Verständnis und Kennen lernen und gegenseitige Freundschaft ist. Hierzu bedarf es auch einer besonderen Sprache, nämlich des aufeinander Zugehens, und das ist nicht die Sprache der Theologen, denn die Theologen stellen ihren religiösen Standpunkt dar und erwarten, dass der Zuhörende auf sie zukommt. Daher liegt es in den Händen der jungen Politiker, die Federführung des Dialoges nicht bei den religiösen Führern zu belassen. Oder die religiösen Führer müssen eine Sprache des Dialogs lernen.

Ihre Partei zeigt mit dem „C“ im Namen, dass religiöse Werte auch bei der politischen Gestaltung der Gesellschaft von Bedeutung  sind. Von Seitens der JU wird ergänzt, dass gerade sie aufgrund ihrer christlichen Verortung einen besseren Dialog mit anderen Religionen führen können als Linke oder Liberale. Bei der Integrationsdebatte muss beachtet werden, so Herr Ayatollah Ghaemmaghami, dass es unterschiedliche Gruppen gibt, die jeweils auch unterschiedliche Bereitschaft aufweisen. Das größte Problem ist jedoch, dass die Menschen allgemein die Befürchtung haben, bei der Integration die eigene Identität und die eigene Religion vernachlässigen oder gar aufgeben zu müssen. Der Islam steht der Integration nicht entgegen, er unterstützt diese Anliegen sogar.
 

Ein Problem, dem die hier lebenden Muslime ausgesetzt sind, ist- wie bereits angesprochen- ihre Angst, im Rahmen der verlangten Integration ihre eigene Identität aufgeben zu müssen. Diese Angst hat auch geschichtliche Hintergründe, nämlich wenn sie die Zeit der Kolonialisierung betrachten, bei der oft weniger die politische als die religiöse Ausrichtung von Bedeutung war. Diese religiöse Verbindung lässt die Auswirkungen nicht vergessen. Wenn also daran gedacht wird, dass im Rahmen der Missionstätigkeiten christliche Vertreter in den muslimischen Ländern versucht und zum Teil mit Erfolg die Menschen von ihrem eigenen Glauben abgebracht haben, was passiert erst dann hier in diesem Land, wenn von Integration gesprochen wird!? Diese Gedanken muss man  beachten, wenn man verstehen will, warum viele Muslime sich diesem Prozess der Integration von Innen her widersetzen. Und zusätzlich müssen Sie bedenken, dass gerade in dieser Situation einige namhafte religiöse und politische Verantwortliche die Religion des Islam an sich als Feind darstellen, der zu bekämpfen ist. Die Integration ist ein Prozess, bei dem die Beteiligung aller Gesellschaftsbereiche notwendig ist Seitens der Gäste wird die Frage gestellt, wie die Integrationsbereitschaft der Muslime in der Realität besteht, ob nun in den islamisch geprägten Ländern wie Türkei oder Iran oder auch hier in Deutschland z.B. in Berlin, wo man Straßenzüge findet, in denen die deutsche Sprache kaum notwendig ist, weil Geschäfte, Praxen und anderes türkisch vorhanden sind.
 

Herr Ayatollah Ghaemmaghami antwortet hierauf, dass man generell bei der Bearbeitung eines Problems bei einer Minimalanforderung beginnen muss, wie es auch in anderen Wissenschaften wie z.B. der Mathematik üblich ist. Daher lassen Sie uns festlegen: die Problematik betrifft die Integration einer Minderheit in Europa bzw. in Deutschland, wobei ein Bereich sich auf die Muslime bezieht. Es müssen also die lokalen Gegebenheiten hier in Deutschland betrachtet werden, die eine Integration behindern. Und er sieht als Hauptproblem die Verbindung der hier lebenden Muslime zu ihren Heimatländern, aus denen sie Bestimmungen und Regelungen zur Religion importieren, die nicht entsprechend den Bedürfnissen der hiesigen Gesellschaft aufgestellt sind. Er verlange nicht von den Muslimen und anderen Minderheiten, ihre eigene Identität, Kultur oder Tradition aufzugeben, aber diese Minderheiten müssen ihr Leben und Wirken hier in dieser Gesellschaft entsprechend der hiesigen Gesellschaft und zum Wohle dieser Gesellschaft , in der sie leben, entwickeln. Also müssen sich die Minderheiten hier als Teil und Mitglied der Gesellschaft betrachten und nicht als Gast.

Als islamischer Gelehrter mit der entsprechenden Kompetenz und auf einer Argumentation basierend auf den authentischen islamischen Quellen hat er stets dargestellt und betont, dass die Integration eine religiöse Pflicht eines Muslim in Deutschland ist und der Weg zur Integration der islamischen Lebensweise entspricht. Man kann also sagen, dass zwischen einem europäischen oder deutsche Muslim und einem türkischen, iranischen, pakistanischen oder arabischen Muslim trotz bestehender grundsätzlicher Gemeinsamkeiten Unterschiede im allgemeinen Lebensalltag bestehen können. Und dieser Umstand muss für die Muslime hier in Deutschland  deutlich sein, ein hier lebender Muslim darf demnach nicht sein Leben hier als ein Mitglied seines jeweiligen Herkunftslandes ausrichten. Dies betrachtet er als goldenen Schlüssel zur Integration.
 

Anstatt nun dieses Gefühl zu stärken und zu unterstützen, erleben wir aber aktuell in dieser Gesellschaft, dass die Medien, die religiösen und politischen Verantwortlichen gerade das Gefühl der Nichtzugehörigkeit zu dieser Gesellschaft verstärken. Denn wenn von den hier lebende Muslimen ständig verlangt wird, sich zu Handlungen und Vorkommnissen der Muslime in anderen Ländern zu äußern und zu verantworten, so werden die Muslime als Teil der dortigen Länder betrachtet und nicht als hiesige Mitbürger.

Es gibt in einigen muslimisch geprägten Ländern bedauerlicherweise kulturelle und traditionelle Entwicklungen einhergehend mit einer Instrumentalisierung des Islam. So ist es in einigen muslimisch geprägten Ländern üblich, dass Väter, Mütter, Brüder sich für die Töchter und Schwestern verantwortlich fühlen und meinen, für diese auch essentielle Entscheidungen treffen zu müssen, und dabei ist es zum großen Bedauern zu heftigen Reaktion wie zu so genannten „Ehrenmorden“ gekommen, dies findet jedoch im Islam und der islamischen Lehre keinerlei Legitimation. Wenn man nun den Minderheiten das Gefühl gibt, nicht zu der hiesigen sondern zu der Gesellschaft ihrer Herkunftsländer zu gehören, dann möchten diese Menschen auch ihre dort bestehenden Kulturen und Traditionen hier anwenden. Daher zählt zu den Grundsätzen die Notwendigkeit der Trennung zwischen Kultur und Religion.

Der Qur`an selbst und der Prophet des Islam kritisieren die Muslime dahingehend, dass es Muslime geben wird, die von sich behaupten, sie seien Muslime, aber nicht dementsprechend handeln. Die Gäste stellen fest, dass demnach diese Aussage auch auf die Personen bezogen werden können, die man hier gemeinhin als Islamist bezeichnet und die zu einem „Heiligen Krieg“ aufrufen. Hierin besteht überhaupt kein Zweifel, so Herr Ayatollah Ghaemmaghami, dies hat er bereits mehrmals geäußert. Einen „Heiligen Krieg“ gibt es im Islam nicht, auch für einen erlaubten Krieg gibt es eindeutige Definitionen. Die schlimmste Art eines Krieges und die schlechteste Tat, die ein Mensch vornehmen kann ist, durch Gewalt und Krieg anderen Menschen die eigene Überzeugung oder Ideologie aufzwingen zu wollen.1:55:42

Das Wort Djihad an sich hat eine wissenschaftliche Bedeutung, beschreibt ein intensives und zielorientiertes Streben nach Realisierung positiver Zustände und hat als erste Bedeutung nicht den Krieg.  1:55:46 Aber im Falle einer Verteidigung gegen Angreifer, die z.B. von sich aus im Namen des „Heiligen Krieges“ den Kampf beginnen, kann dieser Verteidigungskrieg auch als „Heiliger Krieg“ bezeichnet werden. Ansonsten ist Djihad nie und in keiner Weise als Angriff oder Krieg zu bezeichnen. Aber wie bekannt ist hat es bedauerlicherweise stets ein falsches Verständnis bzgl. des Djihad gegeben. Wir erleben dies aktuell Irak, wo Muslime durch die Hände anderer Muslime ermordet werden.

Daher ist es dringend notwendig, durch Denken einen Wandel in den Überzeugungen zu erreichen. Ein Punkt sei ganz eindeutig dargestellt: die Übertreiber, die im Namen des Islam Gewalt ausüben, freuen sich sehr intensiv über diese aktuellen negativen Aussagen in den Medien , da sie hierdurch den moderaten und nachdenkenden Muslimen zu beweisen glauben, dass es keinen anderen Weg gegenüber Nichtmuslimen gibt als den gewalttätigen.
 

Die Gäste baten um Stellungnahme bzgl. der Bereitschaft von staatlicher Seite zur Integration von Minderheiten in islamisch geprägten Staaten, wie z.B. in Iran. Herr Ayat. Ghaemmaghami antwortete, er werde auch diese Frage gerne beantworten, obwohl er sich hier nicht als ein Teil der iranischen Gesellschaft empfinde sondern als ein Teil der hiesigen Gesellschaft, außerdem sei er stets darauf bedacht, seine religiösen Aktivitäten scharf von politischen Aktivitäten anderer zu trennen. 02:05:59  Außerdem ist fest zu halten, dass der Integrationsprozess in dieser Gesellschaft für sich getrennt betrachten werden muss ebenso wie der Integrationsprozess in Iran oder anderswo. In seiner Antwort stellt er keinen Anspruch an die iranische Politik oder an das iranische System sondern bringt das zum Ausdruck, was in der Gesellschaft von den Bürgern gesagt wird. 02:08:06

Er möchte sagen, dass es in Iran eine Integrationsart gibt, die vielleicht nur dort zu finden ist. Man wisse vielleicht, dass es der Persische Kaiser war, der die Juden aus der Heimatlosigkeit und Verbannung befreit hat. Daher hat der Iran für viele Juden eine Art Heiligkeit.02:09:031 und in vielen Gebeten wird für den Iran und seine Könige gebetet. Außer Juden leben auch Christen und Zoraster im Iran und im meiner Zeit Iran habe ich niemals darüber nachgedacht, das mein Nachbar Christ, Jude oder Zoraster ist. Im heutigen Iran haben die Christen, die Juden und Zoraster ihre eigenen Schulen, sie benutzen im Alltag und öffentlich ihre eigene Sprache, sie haben ihre eigenen Gebetshäuser, und im Rechtsverhältnis spielt das Nichtmuslimsein keine Rolle.

Als Beispiel möchte Herr Ayat.Ghaemmaghami über den Reisebericht eines deutschen Juden in den Iran berichten, der unter erheblichem Angstgefühl und entgegen dem Rat seine Freunde und Bekannten in den Iran gereist war, um die Lebenssituation der Juden in Iran zu untersuchen. In seinem sehr ausführlichen Bericht erläuterte er die guten Beziehungen zwischen den Juden und Muslimen und die zufriedene Lebensweise der Juden in Iran. Auf seine Fragen an dort lebende Juden, ob sie denn auch nach Israel zu ihren heiligen Stätten reisen dürften, bekam er die Antwort, dass dies überhaupt kein Problem wäre.

Die Christen sind in einer ähnlichen Situation, der Papst hat in den letzten Tagen erwähnt, er wisse darum, dass die Situation der Christen in Iran eine sehr gute sei.02:15:39 Aber dies alles besagt nicht, dass es keine Übertreiber gibt, die es nicht wünschen, dass eine derartige Situation beibehalten wird. Auch dort gibt es eine kleine Minderheit, die es sich wünscht, dieses gegenseitige Verständnis zu zerstören. Und leider leider leider, dies möchte er zum Ende noch ausdrücken, leider leider ist die Stimme der wenigen Übertreiber stets lauter und stärker zu vernehmen als die Stimme der besonnen und nachdenkenden Mehrheit, und dies verhält sich so auf der ganzen Welt.

Und die Kritik an die Medien hier und an einige Verantwortliche ist es, dass gerade sie dazu beitragen, dass diese Stimme der wenigen Übertreiber noch stärker und intensiver zu Gehör und Geltung gelangt.02.17.54 Er ist der Meinung, dass diese Gespräche, dieses gegenseitige Verständnis dazu beitragen, dass die Stimme des Verständnisses, der Freundschaft und des Frieden lauter und intensiver zu vernehmen sind Die Wahrheit ist es, dass die Vertreter des Friedens, der Freundschaft und des gegenseitigen Verständnisses in der Mehrzahl sind, sie sind weitaus mehr als die Übertreiber. Aber es ist leider eine stille und stumme Mehrheit und wir müssen uns bemühen, sie aus dieser Stummheit herauszuholen in der Hoffnung auf eine Zeit, in der die Stimme der Übertreiber und Gewalttätigen nicht mehr zu hören ist. Aber dies nicht durch Einsatz von Gewalt 02.20.00 sondern durch Stärkung der Stimme des Verständnisses und der Freundschaft, denn Feuer kann man nicht mit Feuer löschen.
Herr Ayatollah Ghaemmaghami äußert zum Abschluss seinen Wunsch, gerne noch weiter mit den Gästen zu diskutieren, aber er habe bereits andere Termine nach hinten verschoben und müsse jetzt leider doch dieses Gespräch abschließen.

Die Gäste bedanken sich für die freundliche Aufnahme und die Zeit die ihnen zur Verfügung gestellt wurde. Man werde die hier erworbenen Kenntnisse in der eigenen Partei und den eigenen Medien bekannt machen. Viele Fragen sind offen geblieben, aber man hat auch sehr viele Antworten bekommen.


Herr Ayatollah Ghaemmaghami drückt seine Freude darüber aus, dass er heute in den Gästen junge und so aktive neue Freunde gewonnen hat. Daher möchte er zum Abschluss nicht sagen: er freut sich über Ihre Bekanntschaft, sondern: er freut sich über Ihre Freundschaft. Denn Bekanntschaft muss nicht immer eine Erweiterung finden, Freundschaft aber kann immer intensiver werden. Und als ihr Freund sagt er ihnen, sie können ihn jederzeit ansprechen, wenn Fragen auftreten oder ein Gespräch nötig erscheint, und es wird umgehend ein Treffen vereinbaren. Unter Freunden ist es auch üblich, dass man sich gegenseitig besucht, er komme auch gerne zu ihnen, wenn Sie es wünschen.
 

Herr Ayatollah Ghaemmaghami beendete das Gespräch mit:

Vielen Dank, alles Gute, das war sehr sehr gut!